Flexibel bleiben, aber wie? Aktuelle Erkenntnisse zum Dehnen

Ziel dieser Kolumne ist es, aktuelle Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die therapeutische Praxis zu übertragen und dabei auch bewährte Maßnahmen kritisch zu hinterfragen. Ein häufig diskutiertes Thema ist das Vorbeugen oder Behandeln von Bewegungseinschränkungen und eine der am weitesten verbreiteten Interventionen ist das Dehnen. Doch wie evidenzbasiert ist diese Methode wirklich, und welche Alternativen stehen zur Verfügung?

Beitrag von Petra Marsico, Physiotherapeutin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Kinder Reha Schweiz, Kinderspital Zürich

Was passiert beim Dehnen?

Dehnungen sollen zu einer Zunahme der Muskellänge führen. Prophylaktisch ist das jedoch nicht möglich. Dehnen kann erst bei bereits bestehenden Bewegungseinschränkungen wirksam sein.

Die zugrunde liegende Annahme ist, dass durch Lagerung in einer verlängerten Position die Anzahl der Sarkomere zunimmt. Um diesen physiologischen Effekt zu erzielen, müssen Muskelgruppen länger als 6 Stunden in einer Dehnposition fixiert werden, das wurde im Tiermodell untersucht.1,2  Beim Menschen gibt es bislang keine Studien, die den Einfluss von Dehnungen auf die Muskelstruktur belegen.

Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft

Studien aus der Sportwissenschaft zeigten, dass statisches Dehnen über mehr als 90 Sekunden (z. B. 3 × 30 Sekunden) die sportliche Performanz negativ beeinflussen kann.3

Daher wird Dehnen vor sportlicher Aktivität heute kaum mehr eingesetzt oder durch dynamisches Dehnen ersetzt. Wichtig dabei: Sportler:innen führen diese Dehnungen selbständig, also aktiv aus, was bei den Kindern, die zu uns in die Therapie kommen, oft nicht zutrifft.

Aktiv geht man nie so weit in die Bewegung, wie eine andere Person es passiv durchführen könnte. Und: Beim aktiven Dehnen bleibt die Muskelaktivierung erhalten, während sie bei passivem Dehnen wegfällt.3

Bewegung statt Dehnung

Aktivität und Bewegung sorgen dafür, dass das Zielgewebe, also Muskulatur, Sehnen, Nerven und Bindegewebe, anpassungsfähig bleibt. Aktuelle Studien zeigen, dass kontrakte Hamstrings bei Kindern mit spastischer Zerebralparese eine steifere extrazelluläre Matrix, eine Zunahme an Kollagen und verlängerte Sarkomere aufweisen. Diese Veränderungen führen zu einer erhöhten passiven Spannung, nicht nur auf die Muskulatur, sondern auch auf die Nerven. Das heißt: Diese Strukturen stehen bei Bewegung unter erheblichem mechanischem Stress.4

Ein möglicher Grund: Die Muskeln können sich nicht ausreichend an das Längenwachstum anpassen, da sie zu wenige serielle Sarkomere bilden.5  Die Sarkomere sind demnach nicht kürzer, aber in geringerer Zahl vorhanden.

Wichtig ist es daher, die einschränkenden Strukturen gezielt zu differenzieren: Nicht nur Muskeln, auch Nerven, Bindegewebe oder Gelenke können Bewegung limitieren.

Gerade wenn die Nerven als limitierender Faktor erkannt werden, kann Dehnen kontraproduktiv sein, denn periphere Nerven reagieren empfindlich auf übermäßige mechanische Spannung. In einer Studie konnten wir zeigen, dass die Spannung in den Hamstrings proportional zur Verlängerung des Ischiasnervs anstieg.6 Die Muskulatur scheint den mechanisch belasteten Nerv durch ihre Aktivität zu schützen. Die Kinder mit Zerebralparese wiesen einen mittleren Hüftflexionswinkel während des Straight Leg Raise von 40° auf – das liegt weit unter dem Normwert für Kinder und Jugendliche (80–90°).7

Diese Erkenntnisse stellen das klassische Muskeldehnen infrage. Muss die Idee des Dehnens überdacht werden?

Grenzen passiven Dehnens

Passives Dehnen ist, wie der Name sagt, passiv: Es erfolgt ohne Beteiligung des Kindes. Isolierte Dehn- und Lagerungsübungen, wie Bauchlage oder Dehnung der Kniebeugesehnen im Langsitz, machen weder dem Kind noch den Eltern besonders viel Spaß.

Eltern zögern zurecht, solche Methoden anzuwenden, sie sind oft unangenehm für das Kind.8 Und: Die fehlende Evidenz zur Wirksamkeit passiven Dehnens stützt diese Zurückhaltung.9

Hinzu kommt: Statische Dehnpositionen können zu Minderdurchblutung der Nerven führen und damit zu deren Schädigung und sekundär zu Muskelschwäche.10

Ein anderer Weg: Aktivität statt Dehnung

Aus all diesen Gründen empfehlen Wiart und Kolleg:innen, den Schwerpunkt auf das Erhalten von Flexibilität, Mobilität und Bewegungsvariation zu legen11 also ganz im Sinne eines Aktivitätenprogramms statt eines Dehnprogramms.

Ein Aktivitätenprogramm bedeutet, dass das Kind ein aktiver Teil der Übung ist, es gestaltet mit. Bewegungen sind groß, mehrfach wiederholt und widerstandsfrei, es wird also nicht gedehnt. Bei Mobilisationsübungen ist das Kind die zentrale Figur: Es führt sie selbst aus oder gemeinsam mit Eltern und Therapeut:innen.

Dieser aktive Ansatz passt auch zu Studienergebnissen, die zeigten, dass exzentrische Muskelaktivierung, wie etwa beim Rückwärtslaufen, die Zunahme von Sarkomeren in den Gastrocnemii fördern kann und somit Länge und Mobilität positiv beeinflussen kann.12

Austausch erwünscht!

Ich freue mich über Rückmeldungen und den Austausch mit euch:

  • Was setzt ihr ein, um verkürzten Körperstrukturen entgegenzuwirken?
  • Was haltet ihr davon, eher von dynamischer Mobilisation, statt von Dehnen oder Durchbewegen zu sprechen?

Kontakt: petra@foxstudy.ch

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