Das Bobath-Konzept: Erfahrungen, Veränderungen und Zukunft Teil III

Drei Generationen Lehr-Physiotherapeutinnen berichten  

                                                                                                                                                             Carmen Nugent

Im dritten Teil unserer Reihe berichtet Carmen Nugent, Bobath-Lehrtherapeutin,  über ihren therapeutischen Werdegang, das aktuelle Bobath-Konzept und der Bezug zur Wissenschaft.

Liebe Carmen, wie bist Du zum Bobath Konzept gekommen?

Meine erste Stelle in der Pädiatrie war 2008 bei Helfende Hände in München (Förderschule und Heilpädagogische Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit schweren Mehrfachbehinderungen). Dort wird das Bobath Konzept in der ganzen Einrichtung „gelebt“. Meine Kolleginnen aus der Physiotherapie Susanne Meyer und Doro Krause wurden zu meinen Bobath-Mentorinnen. Ich konnte mich von Anfang an mit diesem ganzheitlichen Ansatz, der so viel Wert auf die Eigenaktivität des Kindes legt, identifizieren. In meinem Physiotherapie Studium an der HvA Amsterdam wurde von Anfang an mit der ICF gearbeitet. Das Bobath Konzept vervollständigte meine alltagsbezogene und individuelle Denkweise – gerade für die Kinder in der Einrichtung mit komplexen Behinderungen.

Meinen ersten Bobath Kurs durfte ich bei Karen Bernard und Elisabeth Eisenberger 2010 in Traunstein machen. Dies hat meine Begeisterung für das Bobath Konzept absolut gefestigt.

Das Bobath Konzept steht häufig in Kritik, nicht wissenschaftlich fundiert zu sein. Wie stehst Du zu dieser Aussage?

Ich denke, alleine die Tatsache, dass es keine Studien gibt, heißt nicht, dass es nicht wirkt. Die Gründe dafür, dass es keine Studien gibt, sind sehr vielschichtig: Einerseits fehlen finanzielle Mittel und Ressourcen, um Studien durch zu führen – was auch daran liegt, dass die Akademisierung der Physiotherapie politisch nicht unterstützt wird. Andererseits sind die Patienten, die wir betreuen eine so heterogene Gruppe, was es sehr schwierig für Studien mit großen Fallzahlen macht. Und Drittens ist das Bobath Konzept keine isolierte Behandlungsmethode mit definierten Übungen, sondern ein komplexes Konzept mit sehr individueller Herangehensweise für jeden einzelnen Patienten.

Das Schöne ist aber, dass frühere passive Maßnahmen wiederholt überarbeitet wurden und das aktuelle neurowissenschaftliche Curriculum des Bobath Kurses evidenzbasiert ist, einschließlich Neuroplastizität und Bewegungswissenschaften. Wir Lehrtherapeuten verankern die Bobath-Ausbildung in der ICF mit einer gründlichen Analyse der einzelnen ICF-Bereiche und ihrer Beziehung zueinander. Die Therapeuten führen eine eingehende Bewegungsanalyse durch, einschließlich aller Bereiche, die sich auf die Funktion des Kindes auswirken. Berücksichtigt werden außerdem persönliche Faktoren und der Umweltkontext. Die frühe Intervention hat einen hohen Stellenwert und die Teilnehmer der Kurse bekommen diesbezüglich ausführlichen Unterricht. Die Inhalte der Unterrichte in einem Bobath Kurs sind wissenschaftlich fundiert, soweit es dazu Studien gibt (z.B.: Haltungskontrolle, motorisches Lernen, Kontrakturprophylaxe, Training). Stetige Erkenntnissuche und konzeptionelle Weiterentwicklung sind integrale Bestandteile des Bobath-Konzepts. Als Bobath (Lehr)Therapeutin verpflichte ich mich zur Interdisziplinarität des professionellen Handelns und zum kontinuierlichen Lernen. Das heißt natürlich, dass ich kontinuierlich up-to-date bleiben muss und meinen Unterricht dementsprechend anpasse.

Selbstverständlich hoffe ich, dass es in Zukunft möglich sein wird, unter Verwendung des aktuellen Bobath Konzeptes und mit einer angemessenen Auswahl von Probanden und Ergebnismessungen zu forschen.

Hat sich das Bobath-Konzept während Deiner Zeit als Bobath-Therapeutin verändert?

Die Kritik von außen hat uns dazu veranlasst, die Herangehensweise sehr genau zu hinterfragen. Wir Lehrenden und auch die TeilnehmerInnen sind kritisch mit dem Konzept. Dadurch habe ich gelernt, fundierter zu erklären, warum ich wie behandle.

Wie oben schon erwähnt, hat die ICF immer mehr Bedeutung erhalten. Außerdem ist Evidence Based Practice und Clinical Reasoning ein fester Bestandteil der Kurse und somit wird von den TeilnehmerInnen erwartet, dass sie Studien lesen und sich damit auseinandersetzen. Beides halte ich für sehr sinnvoll und mittlerweile starten auch die TeilnehmerInnen zu diesen Themen mit Vorkenntnissen in die Kurse. In unserem Kursteam in München reflektieren wir als Lehrteam ständig, ob Inhalte und Didaktik noch aktuell sind.

Liebe Carmen, wie sieht für Dich das Bobath-Konzept in der Zukunft aus?

Ich hoffe, dass die Akademisierung der Physiotherapie irgendwann in Deutschland etabliert ist und es damit auch mehr Studierende gibt, die wissenschaftlich arbeiten und auch zum Bobath Konzept forschen werden. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass wir in den Kursen so viel „Handwerkszeug“ und Praxis vermitteln, dass es weiterhin eine große Bereicherung für jeden Therapeuten in der Pädiatrie ist, daran teilzunehmen.

In dem neuen Verein Bobath Zukunft! haben wir eine geballte Ladung aus Erfahrung und Kompetenz, dass ich mich, gerade als junge Lehrtherapeutin, sehr auf die zukünftige Zusammenarbeit mit den KollegInnen freue. Mit zukünftigen Erkenntnissen aus der Forschung und im professionellen Austausch werden wir gemeinsam das Bobath-Konzept weiterhin anpassen und verbessern.

zuerst veröffentlicht auf der Homepage der Bobath-Vereinigung